Glückskäfer im Bauch

38. SSW (37+5)

Heute Morgen nach meiner zweiten Akupunktur-Sitzung bemerkte ich einen Anruf in Abwesenheit. Dieser war von meiner Freundin, wir nennen sie mal Jenny, in Anlehnung an die Figur Jenny aus Forrest Gump (genauso zart und wunderschön hat “meine“ Jenny an ihrer Hochzeit ausgesehen).

Jenny und ich sind schon viele Jahre befreundet, nicht eng, aber bei Treffen im gemeinsamen Freundeskreis, die aufgrund ihrer räumlichen Entfernung max. dreimal im Jahr stattfinden, ist unser Wiedersehen immer sehr, sehr herzlich.

Als ich ihr im vergangenen Januar am Telefon von meiner Schwangerschaft erzählte, kamen wir erstmalig so richtig persönlich ins Gespräch. Ich erzählte ihr von meinen Fehlgeburten und meinen “Wehwehchen“ zum Thema Kinderkriegen und dass wir die frohe Kunde erst jetzt mitgeteilt haben. Daraufhin berichtete sie mir von ihrer, mir bisher nicht bekannten Geschichte mit Hashimoto, PCO, Bauchspiegelungen, IVFs, Kryos, Fehlgeburt, Verdacht auf Gebärmutterhalskrebs und über die berufsbedingte Fernbeziehung mit ihrem Schatz (was bei einer Kiwu-Behandlung noch mehr belastend ist). Das volle Programm – genau so wie wir Mädels es hier im Netz eben auch kennen. Wir haben uns in den ganzen letzten Monaten teilweise ellenlange Mails geschrieben, uns ausgetauscht und sehr viele Dinge anvertraut, die eben nur eine Frau in unserer Situation nachvollziehen kann. In all den Jahren, in denen wir uns schon kennen, haben wir eher zusammen gefeiert und Spaß gehabt, aber nie so wirklich über das, was uns auf der Seele brennt, gesprochen. Dafür waren wir einfach zu weit voneinander entfernt – freundschaftstechnisch und räumlich.

Daher finde ich es jetzt umso schöner wie nah man sich sein kann, wenn man Parallelen entdeckt und gleich fühlt, auch wenn eineinander hunderte Kilometer trennen.

Anfang des Jahres musste Jenny über Wochen auf das zweite Ergebnis des Gebärmutterhalsabstriches warten und echte Ängste ausstehen. Zum Glück war der Abstrich in Ordnung, sodass nichts mehr gegen eine weitere Kiwu-Behandlung sprach. An dem Tag im Frühjahr, an dem sie ihr letztes Negativ erhielt, war sie so niedergeschlagen. Es hat mir schrecklich Leid getan, ich war auch sehr traurig.

Dann kam ihre Hochzeit, an der sie genauso bezaubernd aussah wie die Forrest Gump-Jenny. Immer wieder dachte ich an dem Tag, wie angespannt und teilweise besorgt sie wirkte, wenn sie in Gedanken war. Angesprochen habe ich sie darauf jedoch nicht. Ich hätte mich ja auch täuschen können. Das Thema Kinder wurde an der Hochzeit auffällig umschifft, stattdessen wurden die gemeinsamen Reisen hervorgehoben. Die Beiden gehen in ihrem engeren Freundeskreis offen mit dem Kiwu um, daher haben die Trauzeugen und Eltern bei ihren Reden und liebevollen Überraschungen keine Kinder eingebaut.

Einige Wochen gingen ins Land, wir schrieben uns immer mal wieder hin und her – bis heute Morgen der besagte Anruf kam.

Ich rief sie zurück mit einer gewissen Vorahnung, dass es Neuigkeiten gibt.

Und so war es dann auch. Nach mehreren IVF- und Kryo-Versuchen ist Jenny nun schwanger – mit Zwillingen – und merkt inzwischen schon die ersten platzenden Luftbläschen in ihrem Bauch. So richtig kleine Glückskäfer schwirren in ihr herum. Soooo weit ist sie schon. Ihre besorgte Miene an der Hochzeit war demnach auch nicht von mir angedichtet. Sie war da gerade erst in der 8. Woche und tatsächlich ängstlich, wie jetzt auch noch. Ich kann ja ein Lied davon singen.

Ich saß gerade auf einem Parkplatz im kühlen Auto und schrie vor Freude ins Telefon und Tränen rollten mir die Wangen hinab, als sie es mir erzählte. So emotional kenne ich mich gar nicht in Bezug auf Schwangerschaftsneuigkeiten, aber so gar nicht. Das ist mir bisher bei keiner Freundin passiert, selbst bei meiner engen nicht. Und neulich musste ich mir – wie noch vor einem Jahr – ein Lächeln ins Gesicht tackern, als eine andere Freundin verkündete, dass sie ihr Zweites bekommt. Sie wollte NIE ein weiteres, weil das erste – wortwörtliches Zitat “ja schon genug stresse“. Das zweite Zimmer sollte definitiv ein begehbarer Kleiderschrank werden, das hätte sie ihrem Mann klipp und klar gesagt. Komisch, da kam sie wohl wie die Jungfrau Maria zum Kind. Aber stolz wie Oskar erzählen, dass es direkt mit dem Zweiten geklappt hat – ohne dass jemand interessiert danach gefragt hätte. Ich sag ja immer: Früher haben sich die Mädels erzählt, wie lange sie gefeiert und wie viel sie gesoffen haben. Heute gelten andere Maßstäbe, um sich “cool“ zu fühlen. 😂😂😂😂

Obwohl ich jetzt selbst schwanger bin, kann ich mich nur bei bestimmten Menschen freuen. Ich bin eben keine “Everybody’s Darling-Ich-Freue-Mich-Über-Jede-Schwangerschaft“-Schwangere.

Auf jeden Fall war es so schön, schon morgens eine so tolle Nachricht zu bekommen. Ich freue mich so unendlich und aufrichtig für Jenny, sie hat auch so lange für ihr Glück gekämpft und musste viele Niederlagen einstecken. Ich gönne es ihr soooo von Herzen und ich weiß, dass sie überglücklich ist, auch wenn ihre Freude über ihre Schwangerschaft insgesamt (noch) verhalten ist. Aber ich kenne das nur zu gut. Ich freue mich ja immer noch im sehr introvertierten Stil über meine eigene.

Auch Jennys Geschichte zeigt mir mal wieder, dass man die Hoffnung nie aufgeben soll, eines Tages sein Ziel zu erreichen, auch wenn der Weg noch so steinig aussehen mag. Manchen liegt eben das Glück in Bezug auf den Kiwu zu Füßen, anderen – wie wir alle hier – eben nicht. Wir müssen kämpfen, forschen, uns teilweise selbst Wissen aneignen und kompetente von inkompetenten Medizinern unterscheiden. Aber dafür sind wir an anderen Stellen zufriedener und mit Glück behaftet. Sozusagen als Ausgleich. Davon bin ich überzeugt.

Wir wissen, dass unsere Partner fiese Kiwu-Zeiten mit uns mitmachen, auch wenn man häufig unterschiedlicher Meinung in Bezug auf die Behandlung, Untersuchungen etc. ist. Sie haben bereits eklige blutdurchdrängte Toilettenpapiere gesehen, uns vor Wut, Verzweiflung und Angst schreien, heulen oder gar toben sehen und sind uns in den abgründigsten Zeiten nicht von der Seite gewichen. Und eins sind wir vielen voraus: Wir wissen, dass wir unser Kinderglück wirklich wollen und verzichten definitiv auf einen begehbaren Kleiderschrank, wenn es heißt entweder oder. Wir wissen außerdem, dass unser Partner nicht einfach geht, wenn das Leben mal unbequem wird.

Ich wünsche euch allen eine tropische Sommernacht. Und auf dich, liebe J.B., trinke ich gleich ein Schlückchen selbstgemachten Erdbeersmoothie. Es lebe die Hoffnung!!!! 💜💜💜

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5 Gedanken zu „Glückskäfer im Bauch

  1. duese2013

    So schön geschrieben! Eine tolle Freundin bist Du! 😊
    Da hab ich gleich Pipi in den Augen…
    Ich kann jedes einzelne Wort von Dir unterschreiben.

    Ich trinke unbekannterweise eine Fassbrause auf Dich mit, liebe J.B.! Herzlichen Glückwunsch. 😊

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  2. lucyandjerry

    Sehr schön geschrieben 🙂 Ich freue mich sehr für deine Freundin und auch sehr, dass ihr zueinander gefunden habt und euch Kraft geben könnt.
    Zum Thema „manchen liegt das Glück in puncto Kinderwunsch zu Füßen“: Das Fatale ist ja, dass genau diese Leute dieses Glück gar nicht in dem Ausmaß schätzen lernen können, wie wir es tun. Es ist halt selbstverständlich. Daher bin ich mir relativ sicher, dass wir alle -trotz unserer Up and Downs- besonderes Glück in anderen Bereichen haben. 🙂 Eine tolle Freundschaft, eine funktionierende Partnerschaft, Urlaub am Meer… Das ist auch Glück 🙂

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